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Mirko Winkel


Kollaboration

Die Zusammenarbeit zwischen Alex und mir fing an, als ich ihr 2003 einen Zeitungsartikel zeigte, der über das Vorhaben in einem ostdeutschen Gefängnis berichtete: Neonazis, denen ermöglicht wird, sich ihre verfassungsfeindlichen Tätowierungen mit anderen Motiven überstechen zu lassen. Ich wusste von Alex' Interesse für paradoxe gesellschaftliche Phänomene und ich schätze ihren Ansatz, sich diesen auf eine sehr subjektive Weise zu nähern. Als jemand, der einfach nicht weiß, in welcher Weise er so große Komplexe wie den soeben beschriebenen Zeitungsartikel als Ausgangspunkt zu einer anderweitigen Mediatisierung verwenden kann, empfand ich die Vorstellung, mit Alex gemeinsam an der Thematik zu arbeiten, als Lernmöglichkeit und vor allen Dingen als Herausforderung. Ich war mir sicher, und das hat sich dann auch bestätigt, dass wir ähnliche Fragen und Forderungen an das Medium Video haben, dass unsere Positionen zu der Thematik jedoch verschiedenartig und verschieden stark ausgeprägt sind. Das ist für mich die Voraussetzung für einen Dialog. Der Großteil unserer tatsächlichen Arbeit fand also im Sprechen statt. Sich immer wieder gegenseitig und der Relevanz der Thematik versichern und dann den Anderen in seiner Meinung irritieren, indem man ungewohnte Positionen ausprobiert. Die daraus resultierenden ästhetischen Artefakte sind deshalb Spuren vergangener Kollisionen und im besten Falle werden diese Widersprüche der Thematik gerecht.


Kunstrezeption als Exzess


Liebe

Wer liebt, der handelt unverhältnismäßig. Das klingt vielleicht komisch, zumal Liebe etwas mit dem Verhältnis zweier Subjekte zueinander zu tun hat. Ein liebevolles unterscheidet sich aber von einem proportionalen Verhalten, in dem die Beziehung der beiden Subjekte eindeutig beschreibbar ist. Dieses Unverhältnis widerspricht der Gewohnheit. Es findet dann statt, wenn die Zuordnung keinen Regeln mehr folgt. Liebe ist von außen unbegreifbar. (Die einzige Weise, sie zu fassen, ist, sich selbst als Teil dieser zu imaginieren). Das Maß der Bedeutung, das dem anderen Subjekt zugeschrieben wird, und die damit einhergehenden Effekte auf die eigene Subjektivität sind nicht einzuschätzen. Doch sicher ist, dass der Liebende sich von sich selbst entfernt, den eigenen Möglichkeitsraum verlässt. Wenn man den Exzess beschreiben müsste, wäre er wohl das Ende dessen, was beschreibbar ist.


Möglichkeitsbeschaffung


Optimismus

Warum etwas in Angriff nehmen, von dem ich weiß, dass es eine Sackgasse ist. Mir ist nicht daran gelegen, das Scheitern auszuschließen. Nein, das Scheitern muss so interessant sein, dass es mir Lust macht, es anzugehen. Was ist der Unterschied zwischen einem Ziel und einem Motiv? Während das Ziel ganz konkret ist und in der Zukunft liegt, ist das Motiv offener. Es ist die Bewegungsrichtung, aber auch der Grund für diese Bewegung. Während historische/moderne künstlerische Kollektive ein klares utopisches Ziel vor Augen hatten, das sie einte, sind heutige Zusammenschlüsse eher offen angelegt, da Utopien verpönt sind. Man tut sich zusammen, weil man gemeinsame Biografien teilt, das gleiche Medium bespielt oder weil eine Organisation die Zusammenarbeit veranlasst. Ich schätze es jedoch, wenn der Grund für ein Zusammenarbeiten in der Zusammenarbeit, in der Sache an sich, im Interesse am Anderen, in der Lust am Tun, im Jetzt liegt. Wo das hinführt, weiß ich nicht.


Produktionsverhältnis


Protokoll

Sobald wir uns in einem sozialen Gefüge befinden, wird es notwendig, dass es Verlässlichkeiten gibt, die über das einzelne Subjekt hinaus gültig sind. Sprache scheint uns diese Sicherheit zu bieten. Aber jegliche Form des Interagierens strebt nach Verlässlichkeit. (Wenn man sich abwendet, bedeutet das, dass man kein Interesse mehr hat, dass man nur nachdenkt oder dass etwas ganz Anderes los ist?) Wir wollen einander verstehen und nicht missverstehen. Viele dieser Richtlinien sind schon geschrieben, manche werden immer wieder verändert, und wenn man ein völlig unbekanntes Feld beschreitet, gilt es diese neu zu entwickeln. Manche sind bindend, andere sind nur zeitlich begrenzte Versuche. Deshalb reicht der Begriff „Richtlinie“ nicht aus und wird durch die Bezeichnung Protokoll besser gefasst. Ein Protokoll fixiert, von wem, was und wann etwas getan wird. Wenn mehrere einander unbekannte Subjekte voreinander stehen und sie alle das gleiche Motiv teilen, dann gilt es ein Protokoll zu schaffen. Doch nicht immer setzt man sich hin und schreibt einen Plan, der die Arbeitsschritte und die Formen der Zusammenarbeit definiert. Stattdessen fängt man irgendwie an und das Protokoll schreibt sich im Tun. Varianten werden ausprobiert, verworfen, beibehalten, verbindlich definiert, überarbeitet. So ist das zum Beispiel bei einer frischen Partnerschaft, bei der man noch nicht weiß, wer für was zuständig ist, wie die Abmachungen aussehen oder was tabu ist. Alles ist ganz roh und muss erst geschrieben werden. Ein Gesellschaftsvertrag, der entsteht, indem man einfach mal ausprobiert. Das ist sehr gefährlich und kann zugleich Großes hervorbringen. Ich finde, eine gute Zusammenarbeit sollte von der Unsicherheit ausgehen.


Rollenwechsel

Das Beste am Kollaborieren ist das Spielen. Das Ausprobieren. So lange an den Reglern rumschrauben, bis etwas dabei herauskommt, mit dem man zufrieden ist. Dann wieder weiterdrehen. Im sozialen Miteinander entsprechen diese Regler den Rollen, die man voreinander und in Bezug auf die anderen Subjekte hin einnimmt. Manchmal versucht man sich besonders weit vorzuwagen, zu schauen, bis wohin die Anderen mitgehen oder was möglich ist — aber immer mit der Sicherheit, dass sich alles auch wieder drehen kann, dass es alles nicht zu ernst ist. Dadurch, dass man die Rollen der Anderen voragiert bekommt, ist man vielleicht gewillt, diese auch einmal zu versuchen. Das passiert immer dann, wenn man sein Gegenüber imitiert. Dadurch sieht das Gegenüber sich selbst in einer Weise vorgeführt, die es ihm wiederum ermöglicht, sich von außen zu sehen oder darauf in einer anderen Rolle zu reagieren.


Ständiges Verfehlen


Subjekt (als Handeln)

Es gibt die Neigung, das Andere über Definitionen zu begreifen. Bevor wir ihm begegnen oder innerhalb von kürzester Zeit formulieren wir eine Zuweisung, von der ausgehend wir mit dem Anderen umgehen. Dieser Prozess lässt sich Objektivierung nennen, nicht nur weil er Objekte schafft, sondern vor allen Dingen, weil er das eigene Subjekt (die subjektive Sichtweise) auszuklammern versucht, sich also selbst unangreifbar macht. Wenn man die Anderen jedoch nicht identitär/objekthaft als Bild begreift, sondern als Prozess/Handlung, dann gibt man ihnen den Status von Subjekten. Ein anderes Subjekt entsteht erst im Verlauf einer Zeit, die ich bereit bin, mich ihm zu widmen. So wie der Andere sich in Bezug auf wieder andere Subjekte verhält und wie man dies beobachtet (vielleicht begreift man das nicht vollständig) — all das prägt den Prozess der Subjektwerdung.


Verdacht


Aktion

ist eine Handlung, die von einem Subjekt ausgeführt wird. Sie dient der Realisierung eines Ziels.


Aktivität

ist eine Handlung, die von einer Subjektgemeinschaft ausgeführt wird.

Es kann sich dabei aber auch um die Zusammenfassung mehrerer Aktionen handeln, die einem gemeinsamen Motiv folgen.


Angstvermeidung

Warum also nicht alleine arbeiten? Dadurch, dass man sich als Einzelner mit Anderen zusammentut, vermeidet man viele Fragen, die man sich selbst stellen würde. Stattdessen wird viel öfter die Definition der Ziele und Motive in den Mittelpunkt gestellt, da sie die Basis einer gemeinsamen Kommunikation darstellen. Sich als Gruppe zu verlieren ist unwahrscheinlicher. Das bindende Ziel oder das gemeinsame Motiv ist sinnstiftend.


Artefakt

Gemachter, im Kontext entstandener Gegenstand.


Autorschaft

Das Konzept Autor ist eng verwandt mit den Begriffen Autorität, Autonomie und Autismus. Dies sind alles Phänomene, die man nicht in erster Linie mit der kollaborativen Praxis in Zusammenhang bringen würde. Dennoch denke ich, dass in jeglicher Form von Zusammenarbeit all diese Aspekte in einer ganz besonderen Weise zum Vorschein treten.


Beenden


Diskussion


Expertenschaft


Exzessives Lernen

Man sollte davon ausgehen, dass ein Lernender kein Objekt ist, das mit Wissen bestückt wird, sondern ein Subjekt, das in einer selbstbestimmten Handlung Wissen generiert oder verwirft. Es kann nicht darum gehen, Inhalte zu vermitteln, sondern viel eher darum, Methoden des Handelns und Denkens vorzustellen, derer sich der Lernende bedient. So ein Lernen ist kein Luxus, sondern kann als Notwendigkeit begriffen werden. Wenn ich einen Sachverhalt nicht verstehe, mir die Zugänge fehlen oder ich bestimmte Mittel nicht beherrsche, dann manifestiert sich damit meine eigene Grenze. Wenn es mir also ein Bedürfnis ist, diese Grenze zu überwinden, mit dem Ergebnis, die Zwangslage zu meinen Gunsten zu funktionalisieren, dann findet ein Grenzüberschritt statt. Ob ich das nun zielgerichtet tue oder nicht, die Verantwortung für diesen Schritt und das damit einhergehende Wissen (der Inhalt generiert sich in Absetzung zu Bedingungen und nicht nur zu anderen Inhalten) habe ich selbst zu tragen. Der Exzess (excedere) ist das Heraustreten. Diese Definition bezieht sich aber herkömmlicherweise auf einen genuinen Raum, der verlassen und wieder beschritten wird. Wenn man aber davon ausgeht, das es keinen bürgerlichen Nullpunkt gibt, von dem man abweichen kann, sondern lediglich unterschiedliche Kapazitäten, die ständig in Wandlung begriffen sind, dann ist der Exzess vielleicht die Voraussetzung für jede Veränderung.


Feld

Handeln sollte grundsätzlich räumlich betrachtet werden. Sobald man vor einer zu lösenden Aufgabe steht, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht oder begreift sich eingeengt. Stattdessen kann es sich aber auch um eine große Spielfläche handeln, die sich auftut. Eine Spielfläche bietet grundsätzlich viele Möglichkeiten, womit sich eine Herausforderung als potentieller Raum betrachten lässt. Felder sind so groß, dass viele Subjekte darauf Platz haben.


Fremd


Handeln (als Subjekt)


Idealismus


Ideenlosigkeit


Kollaboration

Wer sich in einem Kollektiv befindet, der kollaboriert nicht. Kollektive Arbeitsformen sind besondere. Da geht es um Verschmelzung oder Aufhebung von bestehenden Subjekten und Positionen zugunsten eines neuen Subjektes, einer gemeinsamen Positionierung. Das Kollektiv ist ein einziger Autor, der zielgerichtete Aktionen vollzieht.

Eine andere Form der Gruppierung ist das Team. Das Team handelt ebenfalls zielorientiert, aber im Unterschied zum Kollektiv bleiben in einem Team existierende Subjekte und Kompetenzverteilungen bestehen. Es kommt nicht zu Überschreitungen.

Zu kollaborieren ist für mich im Unterschied zu den beiden bereits genannten Modellen kein zielorientiertes Handeln. Es ist zweckfrei. Wer sich auf eine solche Art und Weise zusammentut, der einigt sich und betritt ein gemeinsames Feld, in dem es zu agieren gilt.

Hier finden Aktivitäten statt. Es wird gespielt und geforscht, zerstört und entwickelt. Bei einer Kollaboration bleiben die Subjekte bestehen. Es geht nicht um Auflösung und auch nicht um Verhärtung, sondern um die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit. Oder anders: Das Zusammentreffen des Unterschiedlichen, ohne auszuschließen, dass man sich komplett verändert oder vielleicht aneinander vorbeistreift.

Da es noch keinen Begriff für diese besondere Einheit gibt, möchte ich einen vorschlagen.


Kollaborat