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Vom Top of Europe in den Himmel

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Über einen Diavortrag von Karen Winzer während der Tagung Planetarische Perspektiven / HBK Braunschweig 11/2008

 

Alex Gerbaulet

 

Karen Winzer ist bis zum Jungfraujoch in den Berner Alpen gefahren und hat vom Top of Europe ihre Blicke schweifen lassen. Auf der Spitze der Felskuppe Sphinx liegt hier in 3571 Metern Höhe nicht nur das Sphinx-Observatorium, von dem aus man mit einem 76 cm Teleskop in den Weltraum gucken kann, sondern hier befindet sich auch der höchste Bahnhof Europas. Nebst Ausflugslokal Bollywood mit Aussichtsterrasse - eine Perspektiverweiterung angesichts der Berge, Gletscher und Täler der Berner Alpen. „Weil Kaschmir zu unsicher ist, ist das Jungfraujoch zu einem beliebten Drehort für indische Filme geworden.“ Für die Dreharbeiten ist gutes Wetter wichtig, ebenso für die weite Sicht der Touristen, aber auch der Bauer plant seine Ernte mit dem Wetter, während man oben auf der Wetterstation Prognosen erstellt. Ob mit bloßem Auge, mit dem Objektiv, Fernglas oder Laser: Alle sehen in den Himmel.
Bereits die mittelalterlichen Kunstbetrachter konnten sich in die Position des Sonnenauges oder Auge Gottes versetzen, waren es doch die Maler, die das alles überschauende Auge, das Überfliegen vorweggenommen haben. Bis heute wird diese Perspektive durch immer neue technische Errungenschaften weiterentwickelt und provoziert trotz dieser fortschreitenden Erschließung aber nicht weniger, sondern eher mehr Geschichten und Mythen als vielleicht jemals zuvor. Technologien aller Art bringen auf dem oft langen Weg ihrer Erforschung und Weiterentwicklung nicht nur Werte und Erkenntnisse hervor, sondern auch Abfälle, Unordnung, Unstimmigigkeiten und in deren Folge immer neue Fragen. Das Wissen schaut zurück.
Karen Winzer geht horizontal vor - nicht vertikal. Wenn sie das Jungfraujoch und die Menschen dort fotografiert, ist sie nicht am Überblick interessiert, sondern lässt sich zwischen den verschiedenen Perspektiven treiben. Sie kommentiert ihre Beobachtungen und weist uns in ihren Bildunterschriften auf bestimmte Details hin. Sie zeigt uns ein Labor im Sphinx-Observatorium, doch wir müssen nicht die exakte Messung der wissenschaftlichen Apparaturen nachvollziehen. Stattdessen sagt uns die Künstlerin, wer die Gardinen und Abdeckstoffe mit floralen Mustern genäht hat, die zwischen dem Hightech hängen und die Geräteansatzweise verhüllen. Oder wir erfahren, dass bei der Ausrichtung eines Laisers eine Holzschachtel oder ein weißes Blatt Papier eine große Rolle spielen kann. High and Low. Winzer zeigt uns einen heterogenen Ort, eine Heterotopie, und zerstreut unsere Aufmerksamkeit, indem sie sie zugleich auf viele unscheinbare Begebenheiten im Aufeinandertreffen von Technik und Textilkunst, von Bollywood-Romantik und Berner Landwirtschaft.
Ihre Beobachtungen machen aus diesem exklusiven Ort der Wissenschaft und Forschung eine Passage, die offen wird für Alltagserfahrungen und somit für eine andere Kunst der Wahrnehmung.
Sie geht nicht nach einer Methode, einem festgelegten Programm vor, sondern lässt sich ablenken von dem, was ihren Weg quert, und erklärt somit das, was andere Ablenkungen nennen, zu ihrer Forschung.