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Margit

2002 | 22 min | Sprachfassung: dt

 

margitmargit

 

Beschrieben von Birgit Hein

 

MARGIT ist der erste Dokumentarfilm von Alex Gerbaulet. Von allen ihren Arbeiten berührt mich dieser Film am meisten. Er ist ein sehr persönliches Dokument über ein tragisches Ereignis, das durch ihre Schilderung die Grenze vom Privaten zum Politischen überschreitet.
Dabei suggeriert sie eine objektive Wahrheit gerade durch eine radikal subjektive Darstellungsweise.
Der Eindruck entsteht, dass wir im Film alles mit ihr im selben Moment zum ersten Mal sehen.
Mit den ständig bewegten Aufnahmen und dem begrenzten Bildausschnitt wird deutlich, dass sie beim Filmen direkt durch den Sucher sieht, dazu hören wir den Originalton und ihre spontanen Bemerkungen aus dem Off.

Der Film beginnt mit dem Blick auf eine von Brandspuren gezeichnete Fachwerkhausfassade, auf die sich die Kamera zubewegt.
Wie es drinnen aussieht, weiß Alex noch nicht. Erst wenn sie langsam in die dunkle Diele des Hauses eintritt, wird sie mit dem Ausmaß des Geschehens konfrontiert.
„Gruselig“, flüstert sie, als sie in ein völlig ausgebranntes Zimmer mit schwarzen verkohlten Wänden blickt. Der Raum wird nur spärlich durch Licht erhellt, das durch die Ritzen der vernagelten Fenster eindringt. Alle Farben sind ausgelöscht. Die Bilder erscheinen schwarz-weiß.

Dann sieht sie sich langsam in der Diele um. „Hier stehen ja noch die Flaschen, Sekt und Orangensaft, wie sie es immer hatte“, sagt sie leise zu ihrer Begleiterin, die erst später im Film zu sehen ist. Ohne diese Bemerkung wären die Flaschen in der Dunkelheit des Regals nicht aufgefallen.
Der Blick geht hoch durch das verbrannte Treppenhaus zu einer geöffneten Tür im zweiten Stock.
Durch die Küche betreten wir über einen Treppenabsatz den hinteren Teil des Hauses. Die gute Stube. „Hier ist wirklich alles genauso“, sagt Alex mit gedämpfter Stimme, während sie durch die unversehrten Zimmer schaut, die so sauber und aufgeräumt sind, als würde man Besuch erwarten. Nur über einer Tür im Wohnzimmer sind Schwarzfärbungen zu erkennen.
Während die Kamera sich umsieht, die alten abgewohnten Möbel und die gerahmten Familienbilder und Schmuckteller an den Wänden erfasst, hören wir einen von Alex gesprochenen Erinnerungstext. Sie erzählt von einem Traum, in dem sie von ihrem Vater an das Sterbebett ihrer Mutter gerufen wird, um von ihr Abschied zu nehmen. Der Traum offenbart eine große Trauer und die Sehnsucht nach einer Liebe, die nicht erfüllt werden konnte. Es ist spürbar, dass dies nicht nur ein Alptraum war, sondern dass dem augenblicklichen Geschehen schon eine Katastrophe vorausging.
Sie betrachtet mit der Freundin einen Bilderrahmen mit etlichen ihrer Kinderfotos. Wir erfahren, dass die Mutter bereits früh so krank war, dass Alex als Kleinkind zu der Oma gebracht werden musste. Sie berichtet über die bescheidenen Lebensumstände auf dem Selbstversorgerhof, mit denen die Oma fertig wurde.
„Aber es ist schon verrückt, bis auf den Gestank könnte sie hier tatsächlich noch rumlaufen.“
‚Sie‘, die Oma, mit ihr hat Alex hier in dieser Wohnung einmal gelebt. Alex geht durch die Räume als sei sie lange nicht mehr hier gewesen.
„Ich suche nach einem Geheimnis. Nach etwas, das sie mir überlassen hat, nur mir. Doch ich finde nichts.“
Schubladen einer Kommode werden geöffnet und durchsucht. Ihre Hand erfasst einen Schnellhefter, der auf den großen Kacheltisch gelegt wird. Wir hören ihr Erstaunen, als sie das Heft durchblättert. Es sind Zeitungsausschnitte zum Berufsjubiläum der Großmutter als Beamtin bei der Post. Ein großes Foto zeigt die Oma umrahmt von der Dorfgemeinschaft.
Ganz selbstverständlich haben sich Gegenwart und Vergangenheit verbunden.
Im Wechsel aus Off-Kommentaren und Erinnerungstexten berichtet Alex nun von dem Alkoholismus der Großeltern in ihren unterschiedlichen Auswüchsen, die beim Opa immer im Delirium endeten, während die Oma die Kontrolle behielt, sodass sie sogar in der Gemeinde geehrt werden konnte. Es ist der tragikomische Höhepunkt des Films, wenn Alex völlig ungeschminkt ihre kindlichen Listen im Kampf der Großeltern mit dem Alkohol schildert. Wie sie heimlich deren versteckte Schnapsdepots ausfindig macht und plündert, woraufhin die Großeltern sich gegenseitig des Diebstahls beschuldigen.
Wie sie sich wünscht, den Opa kastrieren zu können, um seinen auslaufenden Körper nicht überall aufwischen zu müssen.
Sie sucht weiter.
In einer der Schubladen findet sie auch eine Mappe mit Familienfotos. Ihre Kamera ruht einen Moment auf einem Schnappschuss, der die Großmutter zeigt, wie sie aus einer (Schnaps?) Flasche trinkt.
„Wir sind eine ganz normale Familie“, ist ihr Kommentar.
Während sie die Seiten mit den aufgeklebten Fotos durchblättert, berichtet sie von den Großeltern, die ihre Jugend in der Nazizeit und den Nachkriegsjahren verbrachten. Von den hundertmal gleich erzählten Geschichten des Opas, der doch nichts begriffen hat. Wie in jeder normalen Familie eben.
Ein letztes Zimmer. Nicht zum Wohnen, eher für Hausarbeiten wie Bügeln. Gefüllte Plastiksäcke, die jemand offensichtlich schon fürs Ausräumen vorbereitet hat. Soll sie eine der vielen Schürzen mitnehmen? Das wäre vielleicht eine Erinnerung, da die Oma immer eine von ihnen getragen hat.
Alex verlässt das Haus, nachdem ein Schwenk noch einmal die verkohlte Decke der Diele erfasst hat. Ihre Hand zieht die Haustür von außen zu.
Die Bewegung hält an.
Ein Leben, das einmal auch ihres war, ist endgültig vorbei.

Bildfüllend zeigt ein Zeitungsfoto die Hausfassade, die wir zu Beginn des Filmes gesehen haben. Ein Lied setzt ein, das mit seiner melancholischen Traurigkeit nun die weiteren Bildfolgen bis zum Ende des Abspanns begleitet: „Man trägt keine Träne im Knopfloch.“
Wir sehen weitere Zeitungsfotos des Unglücks. Ein Leichenwagen steht vor dem Haus. Feuerwehrleute mit Atemmasken sind zu sehen und die große Überschrift ‚Brandleiche‘ ist zu lesen.
Es folgen noch einmal die Zeitungsfotos aus der Jubiläumsmappe, dann ein bildfüllendes Schwarzweiß-Portrait der Großmutter, die uns direkt ansieht, und schließlich Farbfotos der Oma beim Spielen mit der kleinen Alex.
„Man trägt keine Träne im Knopfloch.“
Oder doch?